Loslassen

Loslassen

Ihr fiel immer etwas ein und Ilse notierte: „Aufräumen!“, und noch sechsmal: „Aufräumen!“ Das Zettelchen reichte dafür gerade aus und sie klebte das Post-it an den Türrahmen. Das Läuten der Haustür erschreckte sie. Sie ging langsam zur Tür und öffnete. Es war Thomas, ihr Sohn: „Mutter, wir müssen reden!“ Ilse sah ihn irritiert an. „Auch Dir einen schönen Sonntagmittag!“ grüßte sie trotzig. Thomas lief an ihr vorbei, in den Flur. „Es ist Ernst, Mutter!“ Ilse sah zu ihm auf. Er überragte sie mit seinen einsneunzig, und seine Stimme, von so weit oben, wirkte bedrohlich. Was wollte der Junge? „Setz Dich ins Wohnzimmer, ich bring uns erstmal Tee!“ Seine langen Arme hingen an ihm herunter, und die Hände ballten sich immer wieder zu Fäusten. Er sah ihr hinterher, wie sie davon huschte und mit einem Tablett zurückkam. Thomas stand noch immer im Flur. „Komm, oder sollen wir im Stehen Tee trinken?“ Sie ging voran ins Wohnzimmer. Von der Wand lächelten ihre Vorfahren: Oberst Schreidel und Gattin Anne mit Kindern. Daneben: Ilse, die Enkelin, mit Blumenkränzchen auf dem Haupt. Wie hatte das damals gepickt! Darunter: das abgewetzte Loriotsofa, das schon zwei Generationen überlebt hatte, und ein kleines, rundes Tischchen, auf dem sich kein Platz für das Tablett fand. „Würdest Du bitte so nett sein?“, wandte sie sich an Thomas, mit dem Blick auf den vollen Tisch. „Aber das ist es ja, Mutter!“ Ilse schwieg, während Thomas ungeschickt die Papierberge vom Tisch hob und auf den Boden setzte. Ruhig setzte Ilse das Tablett ab, verteilte die Teetassen und schenkte Darjeeling ein. Wie aggressiv er sein konnte! Sie nippte an ihrer Tasse und sah ihn fragend an. „Alles hier!“ Er schrie es fast heraus, und deutete mit seiner rechten Hand auf Ilses Glasvitrine. Ilse rückte ihre dreireihige Bernsteinkette zurecht und schob die Brille auf die Nase. Sie sah ihn ratlos an: „Was denn?“ Thomas war außer sich: „Siehst Du das denn nicht? Das ist krank!“ Ilse schwieg und sah ihre Vitrine an. Dort ruhten hinter Glas ihre Lieblingsbücher, ihre Federsammlung, ihre Schnecken und Muscheln. Auf den Glastüren hingen sie überall: Ihre Notizen, Gedanken und Geistesblitze.

Ilse war gründlich. Bevor sie morgens aufstand, machte sie sich Gedanken über alles Mögliche und notierte akribisch: „Alte Knochen brauchen länger“ oder „Thai Ginseng.“ Philosophisches, wie: „Die Lust des Nichthandelns“ oder Pragmatisches: „Überzüge reinigen.“ Auf ihrem Nachttisch lagen Notizpapier, Stifte und Stapel gelber Haftnotizen. Sie schrieb, klebte oder pinnte, so oft ihr etwas in den Sinn kam, das sie nicht vergessen wollte. Sie war nicht dement, nur ihr schwindendes Kurzzeitgedächtnis machte ihr zu schaffen. Ilse fing damit an, den Türrahmen mit ihren Zetteln zu bekleben. Irgendwann ging der Platz aus. Es folgte die Vitrine, bis die Glastüren komplett beklebt waren und die Wände. Gelbe Zettel, kleine weiße, herzförmige. Ein Netz, aus Worten gesponnen, hatte sich Ilses Wohnung erobert. Sie war von Ihren Einfällen und Aufzeichnungen besessen. Gedanken mussten festgehalten werden, damit sie nicht verschwanden. Ideen und Sätze schienen lebenswichtig, sie mussten bewahrt werden.

„Das ist mein Leben!“ sagte sie trotzig und sah Thomas mit ihren blauen Augen an. Er sprang vor Erregung fast vom Stuhl: „Mutter, das ist zwanghaft, das muss aufhören!“ Sie schwieg und sah an ihm vorbei auf ihre geliebten Zettel. „Mutter merkst Du es nicht, Du musst damit aufhören. Das Wohnzimmer ist voll, nirgendwo kann man etwas abstellen, der Flur ist voller Zeitungsausschnitte, die ganzen Wände…..“ Gott war der Junge direkt. Diplomatisch war er ja noch nie. Hatte er Recht? Ilse sah sich um. Nun ja. Der Boden war voll, man musste schon um Stapel herumgehen. Freie Plätze an den Wänden? Nur die Ahnengalerie war verschont geblieben. Ilse hatte immer Respekt vor dem Oberst gehabt. Sie stand auf, ging an ihm vorbei und langsam in den Flur. Thomas blieb aufgewühlt sitzen. Die Wände waren von oben bis unten, soweit Ilse sich strecken oder bücken konnte, übersäht mit Zetteln. Die alte Bordürentapete lugte darunter hervor. Auf dem Boden: überall Zeitungsstapel. Nicht mal die Toilette blieb verschont. Als sie von ihrem Rundgang zurückkam, saß Thomas noch immer vor seiner Teetasse. Ilse setzte sich neben ihn: „Vielleicht ein bisschen“ sagte sie und sah ihn ruhig an. Thomas Anspannung war spürbar, er ballte schon wieder die Hände: „Mutter, ich schicke Dir morgen Herrn Lehmann. Der hilft Dir, dass es hier wieder normal aussieht!“ Ilse sah liebevoll auf ihre Welt und murmelte: „Was ist bitte normal?“ Thomas stöhnte: „Mutter!“ Ilse spürte den Schmerz. Konnte sie ihre eigene, gesponnene Welt der Gedanken verlassen? Die Fäden lösen? Sie zögerte lange mit Ihrer Antwort: „Aber nicht alles Thomas!“ Er blieb fest: „Nimm Dir heute Zeit, sortiere aus, was weg muss, und morgen kommt Herr Lehmann und entsorgt alles.“ Ein Luftzug wehte durch das Zimmer, als Thomas aufstand. Ihre Augen glitten über die Vitrine und die Post-its schienen zu wippen, als ob sie um Hilfe schrieen. Alles weg? Einige wollte sie aufheben. „Gut, dann bis morgen, aber nicht vor zehn!“ Thomas nickte und ging dann, nachdem er sie nochmals umarmt hatte.

Sie schloss die Tür hinter ihm und blieb im Flur stehen. Ihr Blick blieb an einem Foto von Zarah Leander hängen und sie begann zu lesen. Sie las sich durch den Flur, durch die Küche und das Bad. Sie nahm die Notizen von der Wand, las sie, und klebte sie wieder an ihren gewohnten Platz. Im Wohnzimmer endete sie an der Vitrine, als ihr Blick auf die letzte Notiz fiel: „Von den Zetteln trennen.“ Ilse nahm das Zettelchen von der Wand und streichelte es. Sie küsste es, und ging mit ihm zu Bett. Bevor sie einschlief, klebte sie es ein letztes Mal an ihre Nachttischlampe. Die Nacht war scheußlich. Ilse schlief ein, wachte immer wieder auf und träumte unruhig: Sie lag im Bett und um sie herum flogen kleine gelbe Zettel, wie Laub in einem Herbststurm. Der Wind trieb sie vor sich her, sodass sie wild durcheinander tobten und Ilse umkreisten. Sie versuchte die Sätze zu lesen, doch sie wirbelten zu schnell umher. Der Oberst trat in den Sturm mit mahnendem Finger. Schweissgebadet wachte sie am nächsten Morgen auf. Sie zog sich an, frühstückte und als Herr Lehmann klingelte, sagte sie ihm, er könne alles mitnehmen, sogar das Notizpapier, die Post-its, die Zettelkästen und die Stifte. Sie würde inzwischen spazieren gehen.

Als Ilse zurückkam war ihr mulmig. Sie öffnete die Tür und schwankte zwischen Melancholie und Neugierde. Alles war weg. Die Wände waren leer. Die Bordürentapete strahlte in altem Glanz. Der Boden war frei, man konnte bequem und sicher gehen. Ilse war bewegt. Sie strich über die Wände, betrat jedes Zimmer und liebkoste die Stellen, an denen ihre Gedanken hingen. Ilse hatte Lust auf Tee und ging in die Küche. Nachdem der Darjeeling fertig war, trank sie mehrere Tassen. Immer wieder sah sie auf die kahlen Wände. Sie fühlte sich erlöst. Der viele Tee zollte Tribut und Ilse ging zur Toilette. Auch hier: Leere Wände. Der Raum wirkte viel größer. Als sie zum Klopapier sah, hielt sie kurz inne, machte sich frisch und trat in den Flur. „Loslassen, einfach loslassen!“ Dieser Gedanke kam ihr plötzlich und blieb in ihrem Kopf, als müsse er sich festsaugen. Ihre rechte Hand zuckte. Die blauen Augen suchten Papier und Stift. Aufschreiben, festhalten, das Loslassen festhalten! In Ilses Kopf hämmerte es und sie suchte und suchte: Kein Papier, kein Stift! Sie fasste sich an den Kopf, um das Hämmern zu stoppen. Da fiel es ihr ein. Sie stürzte zur Toilette und entdeckte das Papier. Ein Stift! Mit dem Klopapier in der Hand sah sie kurz in den Spiegel und entdeckte dort ihre Handtasche. Ilse drehte sich um, leerte die Tasche auf den Boden und hob triumphierend den Lippenstift auf. Am Küchentisch schrieb sie mühsam mit dem fetten Stift auf das weiche Papier: „Loslassen!“ und pinnte ihn mit einem Heftpflaster aus ihrer Handtasche an den Spiegel.

veröffentlicht in: Der Frankfurter literarische Lustgarten 2011, Cornelia Goethe Akademie Frankfurt am Main.

© Ulrike Berchtold