Liesel Litzke

Das Konto läuft noch auf ihren Namen, obwohl sie seit Jahren tot ist. Erben gibt es keine. Es ist die letzte Erinnerung an Ihre Familie, zu der sie seit diesem verhängnisvollen Tag keinen Kontakt mehr hat.

Liesel Litzke war ein Leben lang auf der Flucht. In der Schweiz durfte sie nicht bleiben, nur ihr Geld. Flüchtlinge ließ man ungern oder erst gar nicht ins Land.

Damals hatte sie der Polizei von den zwei Juden erzählt, die sich im Gartenhäuschen ihrer Großeltern versteckt hatten. So etwas musste man doch damals melden. Die zwei Männer wurden sofort hingerichtet, doch davon erfuhr sie erst nach Kriegsende.

An diesem Morgen, wenige Tage nach Kriegsende war ihr Bruder in ihr Zimmer gestürzt und schrie:
„Du musst sofort weg – die suchen dich – pack das Nötigste zusammen!“
Sie blickte von ihrem Buch auf:
„Wer sucht mich? Was ist denn los?“
„Begreifst du denn gar nichts?“
Sie schüttelte den Kopf. Er riss den Kleiderschrank auf und beginn hektisch ihre Kleider in einen großen Koffer zu packen, während sie weiterlas. Er zog sie vom Sofa hoch:
„Hol deinen Mantel, ich bring dich über den See in die Schweiz, da bist du sicher.“
„Warum?“
„Du kommst ins Gefängnis wenn du nicht fliehst, wach auf!“
Liesel erschrak –und ließ sich vom Bruder wegziehen zum Wagen. Er drückte sie auf den Beifahrersitz. Sie starrte aus dem Autofenster. Wieso? Warum?
Sie drückte seinen Arm, als er den Wagen startete:
„Du gehst doch mit mir, lässt mich nicht allein?“
Ihr Bruder starrte sie fassungslos an: „Nein, dich suchen sie – dich ganz allein!“

An der Grenze angekommen schob er sie mit Gewalt aus dem Auto. „Hier das ist Geld von den Eltern, nimm Dir in der Schweiz ein Konto, das ist Dein Notgroschen – und jetzt geh!“

Liesel nahm ihren Koffer und sah mit offenem Mund ihren Bruder an. Langsam ging sie über die Grenze. Sie würde ihn nicht wieder sehen, niemanden von der Familie, alle verhielten sich von diesem Tag an, als existiere sie gar nicht. Liesel war zweiundzwanzig und ihr ruhiges, unschuldiges Leben endete an diesem Tag. Sie blickte kurz zurück – noch immer starr und fuhr mit dem Zug nach Zürich. Nachdem sie einen Teil des Geldes in der Schweiz deponiert hatte, versuchte sie sich dort eine Existenz aufzubauen. Die Schweiz hieß Flüchtlinge nicht willkommen.

So verließ Liesel die Schweiz und kehrte unter falschem Namen wieder nach Deutschland zurück. Mit ihrer ständig wechselnden Identität und ihrer Lebenslüge auf dem Herzen lebte sie jahrelang auf der Flucht. Allein. Mutterseelenallein. In dieser Zeit hielt sie ihre Lüge am Leben und beschützte sie vor der Wahrheit.

Als alte Frau mit über siebzig las sie einen Artikel über Sophie Scholl, den sie zunächst nur überflogen hatte. Liesel war im gleichen Jahr geboren wie Sophie. Warum wusste Sophie damals schon so viel? Warum hatte man Liesel nicht erzählt wie es damals wirklich war? Warum mussten Tausende sterben?

Als Liesel Litzke, jetzt Paula Meier endlich ihren Fehler erkannte, fing sie bitterlich an zu weinen. Die Einsamkeit der ganzen Jahre stieg in ihr hoch, die Wut auf ihre Familie, die sie alleingelassen hatte, tobte in ihr. Was musste sie für ein Leben führen? Wie hatte sie das alles über die Jahre hinweg verdrängen können? Der Schmerz stach ihr ins Herz. Die Bitterkeit umfasste ihren ganzen Körper und sie zitterte.

Paula Meier starb wenig später an einem Hirnschlag, während Liesel Litzke fünftausend Franken hinterließ.

© Ulrike Berchtold