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Ich gebe gerade einen Anzeigenauftrag an unsere Düsseldorfer Zentrale weiter, als Sabine meine Kollegin, reinkommt. „Komm schnell rüber!“ Gegenüber ist das Büro von Anneli, sie verkauft Werbezeiten für ntv. Der Fernseher läuft. Anneli hält sich die Hand vor den Mund. Ich sehe wie ein Flugzeug in einen Wolkenkratzer kracht. Was für ein schrecklicher Unfall! Erst jetzt nehme ich auch den Ton wahr: „Attentat auf die Twin Towers“. Während im unteren Banner die Börsenmeldungen durchrauschen, kracht oben immer und immer wieder das Flugzeug in einen der Türme. Ich begreife nichts und starre wie gebannt. Sabine informiert unsere Bürokollegen, die gerade an einer internen Sitzung teilnehmen. Herr Schäfer, der Büroleiter, nimmt es zur Kenntnis. Keiner der Herren kommt zu uns. Wir drei sehen wie gelähmt, das Flugzeug wieder und wieder in das Hochhaus krachen.

Die Bilder der vom Staub verschmutzten Menschen, die schreiend durch New York laufen, sind entsetzlich. Ich rufe meinen Mann an, der noch gar nichts mitgekriegt hat: „Wie jetzt?“ ist seine Reaktion. Wieder und wieder der Einschlag. Erste Infos, dass ein Flugzeug entführt wurde und in ein Mordinstrument verwandelt wurde. Al-Quaida, ein Terroranschlag, das dem Herz der Stadt, der Seele Amerikas galt. Als Tatort wählten sie nicht das Kapitol, sondern das Zentrum der Macht. Sie war getroffen.

Wer ist so krank und tut so was? Einer der Attentäter soll aus Deutschland kommen. Sofort denke ich an die Maintower in Frankfurt. Wer so krank ist, der bekämpft jeden, der ihm nicht passt. Wird die Ignoranz der Amerikaner bestraft? Ihr Großherrentum? Jetzt auch noch in Großaufnahme die Körper, die aus Stockwerken fallen. Wir arbeiten mechanisch weiter, obwohl es uns ständig zum Fernseher zieht.

Abends kratze ich mit meinem Mann Tapeten von der Wand. Die alte Tapete hockt in den Hohlkehlen des Altbaus und lässt sich nur mühsam entfernen. Alles klebt, ist modrig und nass. Die Fetzen rieseln runter, wie der Staub der Twin Towers. Alle Sender berichten davon. Unsere Tätigkeit fühlt sich absurd an und doch sie muss getan werden. Hätte ich meine Liebsten angerufen? Was wären meine letzten Worte im Angesicht des Todes gewesen? Erinnerungen kommen hoch an das Olympiaattentat: „The Show must go on!“ Amerikas Präsident gefriert das joviale Lächeln im Gesicht. Das Thema weitet sich aus: Religionsfanatismus, größtes Misstrauen gegen alles Arabische. Muslime werden pauschal verdächtigt. Die Sicherheitsvorkehrungen werden schärfer, wie nie zuvor. Jahre später wird Bin Laden getötet und Hollywood macht daraus einen Film.

12.9.2013

© Ulrike Berchtold